Ein Leben für die Mühle „Hoffnung“
 
  Munkbrarup: „Leben ist Begegnung“, so steht in großen Lettern über dem Eingang zum Munkbraruper Mühlen-Backhaus zu lesen. „Das ist mein Wahlspruch“, sagt der 73-jährige Eigentümer Frenz Stüdtje. Von der Terrasse seines Wohnzimmers aus haben er und seine Frau Helga die imposante Windmühle „Hoffnung“ ganz nah im Blickfeld. Der Erhalt dieses technischen Kulturdenkmals, Baujahr 1845, ist Frenz Stüdtjes Lebenswerk.
 

 

Als Ruheständler hat er mehr Zeit als früher, sich im Mühleninneren nützlich zu machen: „Ich habe gerade den handbetriebenen Sackaufzug erneuert.“ Außerdem fertigte er unlängst ein neues Holzteil für den Mahlgang an, weil das alte Versatzstück wurmstichig geworden war. Dritte Neuerung: die passende „Abrundung“ eines bislang eckigen Holztisches.
Die meisten der ehemals 1000 Mühlen im nördlichsten Bundesland sind verschwunden. Gewandelt hat sich auch das Geschehen in Munkbrarup: Gingen in der Blütezeit des „geflügelten“ Wirtschaftsbetriebes vor hundert Jahren an diesem Treffpunkt die Kornbauern und die Kunden „kommunizierend“ ein und aus, so führt heutzutage der Mühlenexperte Stüdtje nur technisch interessierte Besuchergruppen durch das runde Gebäude treppauf, treppab, während seine Tochter Christel Pagel kulturelle Begegnungen mit Lesungen und Konzerten in besonderer Atmosphäre organisiert. Die „Hoffnung“ mit ihrem Symbolwert ist neuerdings sogar zum Standesamt erkoren worden: Die ersten sieben Trauungen im „Oberstübchen“ sind 2003 ein ermutigender Anfang für eine erweiterte Nutzung.

Der Hausherr erinnert sich noch genau das Datum, an dem unwiderruflich der letzte Sack Getreide gemahlen wurde: am 17. November 1945. Damals endete eine 77-jährige Ära. Stüdtje erläutert: „Die Mühle hatte erst 23 Jahre in Meierwik gestanden, ehe sie mein Urgroßvater 1868 nach Munkbrarup holte.“ Das heißt: Seit vier Generationen befindet sich dieses Bauwerk in Familienbesitz. „Ich kenne jeden Knoten beim Segelsetzen“, beschreibt der gelernte Ingenieur sein inniges Verhältnis zur Windmühle. Besonders dann, wenn die Windkraft die Flügel rotieren lässt, empfindet er eine stille Freude.

Doch der Erhalt der Mühle ist eine finanzielle Last. Von seinem Vater Johannes Stüdtje, einem Pädagogen und Hobby-Chronisten, übernahm er „eine Ruine“. Zwar gab es für die Außensanierung des technischen Denkmals Ende der 70er Jahre staatliche Hilfen, aber seit über zwanzig Jahren sprudelt eine solche Quelle nicht mehr. Eine ansehnliche Summe privaten Geldes muss Frenz Stüdtje alljährlich aufwenden, um dem schleichenden Verfall des Bauwerks Paroli zu bieten. Zugute kommt ihm sein handwerkliches Geschick. Wie wird es weitergehen? „Ich suche jetzt nach einer tragfähigen Lösung für die nächste Generation.“

Er, über die deutschen Grenzen hinweg ein anerkannter Mühlen-Experte, der früher auch als Sachverständiger zu Gerichtsverfahren hinzugezogen wurde, hat grundsätzlich nichts dagegen einzuwenden, wenn mitunter in alte Mühlen „nur“ preisgünstige Kunststofffenster eingesetzt werden. Sein Motto: „Stilbruch ist besser als Abbruch.“ Diese Überzeugung hat Stüdtje stets auf den Kongressen der TIMS, der Internationalen Mühlengesellschaft, sowie als Vorstandsmitglied des Mühlenvereins Schleswig-Holstein vertreten. Übrigens: Er gilt zudem als Initiator der Gründung des Deutschen Mühlenvereins DMV. (rechts: Wassermühle Schaalby im Modell)

Zu Frenz Stüdtjes Biographie: Der einstige Flensburger Goetheschüler musste gegen Kriegsende als 15-jähriger beim Volkssturm von Sterup aus eine Panzerfaust zum Scheersberg tragen, seine „einzige Kriegshandlung“. Er absolvierte danach eine Lehre als Elektromechaniker und avancierte zum Nachrichten-Ingenieur. Kommunalpolitisch kann er auf vier Jahrzehnte währende Tätigkeit zurückblicken, darunter auf acht Jahre (bis 2002) als Bürgermeister von Munkbrarup und sechs Jahre als Mitglied des Kreistages Schleswig-Flensburg, zeitweise in der Funktion des stellvertretenden Kreispräsidenten. (rechts: ehemalige Wassermühle auf Gut Oestergaard, jetzt Ferienhaus)

Wenn Frenz Stüdtje nicht gerade in der Mühle wirkt, beschäftigt er sich als Mitglied des Deutschen Grenzvereins und der deutschen Minderheit in Nordschleswig mit historischen Fragen. Über Friedrich den Großen hat er rund 50 Werke studiert. Er steht dem von ihm gegründeten örtlichen Archivverein vor und plant mit zwanzig Gleichgesinnten die Fortschreibung der dreibändigen Gemeindechronik von 1976, dem Werk seines Vaters. Die Ur- und Frühgeschichte ist ein weiteres Steckenpferd des Munkbrarupers. Mit seiner Frau spielt er am liebsten Bridge. „Früher bevorzugte ich natürlich Mühle - da galt ich als unschlagbar...“
Das Ehepaar, dem drei Töchter und ein Sohn (34 – 44 Jahre alt) entstammen, steuert er auf ihren meistens privat organisierten Reisen quer durch Europa immer schöne Mühlen an. „Die gemeinsame Mühlen-Herkunft öffnet leicht die fremden Türen.“ (Bild Oben: Mühle ANNA in Norby bei Rieseby, jetzt Museum).

H.J. Köhler





 

  Zurück zur Aktuell-Seite
  Home